Dieser Imperialismus… welcher denn noch?
Hört man sich in der gymnasialen Oberstufe Schüleraussagen oder Referate an so klingt dies in der Regel wie folgt: „Dieser Imperialismus war schlecht.“ Abgesehen von der inhaltlichen Subjektivität dieser Aussage ist die Ausdrucksweise mindestens genauso diffus.
Zum Kern des Problems: „dieser“, „diese“ und „dies“ sind Demonstrativpronomen. Demonstrare (lat.) heißt zu Deutsch „zeigen“ oder „darstellen“. Demnach ist die reguläre Verwendung „dieser Baum“ häufig verbunden mit einem Fingerzeig auf das „demonstrierte“ Objekt. Wenn ich „diesen Baum“ anspreche, meine ich einen bestimmten, einen spezifischen. Das offensichtliche Problem welches am eingangs aufgeführten Beispielsatz auffällt ist: Wenn „dieser Imperialismus“ schlecht war, war dann der andere gut? Hoppla… es gibt eigentlich ja nur einen Imperialismus, denn es ist ein Überbegriff… schade. Bei „diesem Baum“, besteht das Problem nicht, es gibt ja noch „andere Bäume“ – „andere Imperialismen“ zu finden dürfte noch dem gewieftesten Historiker schwer fallen (okey, man kann von „dieser Ausprägung des Imperialismus“ sprechen – da gibts dann wieder mehrere).
Die Aussage „dieser … öhm… Imperialismus, dass war … ähm… damals …“ lässt also ein zentrales Problem in unserem Schulsystem offensichtlich werden. Der Schüler redet von einem zentralen Begriff der Geschichte des 18 – 20 Jahrhunderst, aber so recht etwas damit anfangen kann er nicht. Er bleibt vage: „dieser, jener, welcher Imperialismus, von dem ich eigentlich keine Ahnung habe“. Hätte er Wissen könnte er sich wie folgt ausdrücken: „Der Imperialismus war eine Wendung der Geschichte die für viele Völker negative Folgen hatte.“ (nochmal zur Veranschaulichung das Gegenbeispiel: „Dieser … öhm … Imperialismus war… öhm… schlecht.“).
Aber mit vagen Laberausdrücken ist es leider in den Wortmeldungen der Schüler heute nicht getan. Powerpoint oder PDF-Präsentationen (schick aus LaTeX gerendert
) sollen gelehrt werden. Mediale Unterstützung des gesprochenen Wortes ist hochgelobt und gut – eigentlich. Die häufig gesehene Ausprägung einer Präsentation mit groben 20 Bulletpoints je Slide a 5 Zeilen Text lässt mich diese Aussage revidieren wollen. Ich mag keinen Roman auf einer schlechten Beamerprojektion lesen müssen, ich möchte Stichworte zu dem gesagten. Auch das Ablesen des Referenten (oder ist „Sprecher“ da nicht schon das bessere Wort) der Folie unterstützt die Rezeption nicht mehr positiv. Ein lustiges Bild, markante Worte und eigenständiger Ausdruck des Redners wären mit tausendmal lieber als jedes noch so unwichtige Detail auf der Folie nachlesen zu können. Bis der Redner nämlich fertig ist, die Folie abzulesen, habe ich sie schon 2 mal durchstöbert und bin mental längst wieder im Sleep-Mode, aus dem eine monotone Lesestimme mich mit „Dieser ‘Phänotyp’ ist ein Wort für…“ nicht mehr zu erwecken mag und ich so zwangsweise den Rest des sowieso langweiligen Vortrags verschlafe. Bitte macht so etwas nicht. Es ist Qual für die Leser – vermutlich genauso wie diese emphatisch unsachliche Abhandlung über die Qualen des Schulalltags
Danke fürs Lesen.
UPDATE: Nach neuesten Erkenntnissen gehört das dem Kurs abgewandte Ablesen einer PowerPoint von der Wand ohne das Hinzufügen von Details auch zu schlechtem Vortragsstil. Bitte, frei sprechen, wenn Notizen dann nicht ablesen, PowerPoints in Stichpunkten die als Suplement dienen. Danke.