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Fehlgriff bei PM – „Intelligente Pflanzen“

23. April 2009

Die populärwissenschaftliche Zeitschrift PM ist bekannt dafür, neue Erkenntnisse oder Dinge die sie dafür hält mit einem Hang zum Sensationsjournalismus zu verbreiten. So auch:

http://www.pm-magazin.de/de/heftartikel/artikel_id2313.htm

Der Artikel im Netz umfasst bedauerlicher weise nicht die seitenweise Erörterung des Gesamtartikels, doch ist schon in groben Zügen erkennbar welche Richtung der Autor einschlägt.
Er redet von intelligenten Pflanzen, gesteuerten Immunsystemen, cleveren Parasitenpflanzen und „Pflanzensynapsen“. Dabei verstrickt er sich immer weiter in einem Gewirr einer waghalsigen Argumentation, die nur peripher von Fachwörtern Autorität erhält.
Es muss angetragen werden, dass der Hintergrund des Artikels durchaus einen Funken Wahrheit in sich trägt. Pflanzen sind ebenso wie Tiere zum Königreich der Eukaryoten gehörig, also komplexer als Bakterien oder Schwämme. Dies stellt sie, wie der Autor korrekt bemerkt, zellbiologisch auf eine Stufe aber nicht gleich den Tieren. Sie besitzen Dinge, die uns fremd sind, genau wie Tiere Fähigkeiten besitzen, die Pflanzen fern liegen.
Der Autor argumentiert, dass die Fähigkeit der Pflanzen, in Richtung des Lichtes zu wachsen, eine Entscheidung des Geistes der Pflanze wäre. Der wissenschaftliche Kern dieser Aussage ist, dass das Phytohormon Auxin, welches zur Multiplikation der Zellelongation (also des Wachstums) führt, diese Regulation vornimmt. Auxin wird unter Lichteinstrahlung abgebaut, wirkt also auf der licht zugewandten Pflanzenseite weniger und bedingt damit eine Biegung in Richtung des Lichtes. Ob bei diesem chemischen Prozess der Ausdruck „Intelligente Entscheidung“ gerechtfertigt ist, sei dahingestellt.
In einem aktuellen Artikel der PM zum selben Thema, welcher leider nicht online verfügbar ist, schreibt der Autor sogar, dass Pflanzen erworbene Eigenschaften an ihre Abkömmlinge weiter geben. Er lehnt sich damit an dem als falsch erwiesenen Konzept der Lamarckschen Evolution an. Lamarck befand, dass ein Lebewesen die in seiner Lebenszeit erworbenen Fähigkeiten vererbt. Ein Großvater, der einen Flugschein hat, würde also Kinder zeugen, die ohne Schulung fähig wären ein Flugzeug zu führen (ein weiteres Argument des Autors). Die Ironie besteht darin, dass dem schlichtweg nicht so ist, wie unschwer erkennbar ist. Das Phänomen, dass UV Resistenzen vererbt werden liegt daran, dass sie keine „erworbene“ Eigenschaft, sondern eine klassische Mutation im Genom darstellen.
Neben diesem groben sachlichen Fehler fallen weitere Schlaglöcher in dem argumentativen Weg des Autors auf. Blutgefäße sind zwar auch zum Flüssigkeitstransport dar, aber das primäre Organ des Flüssigkeitstransportes in Pflanzen, Xylem, ähnelt diesen nicht wirklich: Xylem besteht aus totem Zellmaterial, unsere Blutgefäße sind recht lebendig.
Zuletzt bleibt festzustellen dass der Autor sowie die Redaktion der PM scheinbar auf sehr grundlegender Basis einen Mangel an Fachwissen auf dem Gebiet der Biologie haben (in einem Anderen Artikel heißt es: „RNA Polymerase, das Protein das an der Reproduktion des Erbgutes beteiligt ist“). Was die Fragestellung nach pflanzlicher Intelligenz betrifft, so ist die Frage meiner Ansicht nach auszuweiten: Handelt es sich bei Pflanzen schon um eine rein evolutive, chemische Reaktion auf Einflüsse, ist so nicht auch unser Gehirn und die vielgepriesene Intelligenz des Menschen nicht auf dessen imaginären „Geist“ sondern eine komplexe Abfolge chemischer Reaktionen zurück zu führen? Auch wenn unsere Gedanken nicht zwingend rekursiv sind, so gibt es doch erstaunliche Parallelen zwischen allen Tieren, oder? Viel Spaß beim Philosophieren.

2 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. Holger Permalink
    25. Januar 2010 17:00

    Also, ich glaube schon, dass es intelligente Tiere und Pflanzen gibt. Vielleicht muß man sich von dem Gedanken trennen, dass das Gehirn und/oder Nervenstränge der “ Sitz des Denkens“ ist.
    Wie können sonst Termiten mit einer Gehirn Gesamtmasse von ein paar Gramm, solche perfekten Bauten errichten.

    Es ist für mich auch schwer zu verstehen, dass die Natur nach der Funktion „try and error“ arbeiten sollte. ( Weiterentwicklung nach Darwin )
    Natürliche Selektion hätte die „Faultiere“ Amerikas normalerweise Aussterben lassen müssen.
    Sie sind langsam, Sie sind defensiv, Faultiere haben keine Größe die Angreifer abschreckt und man kann alles was als Beutegreifer im Urwald lebt als überlegenen „Feind“ bezeichnen.

    MFG.

  2. 26. April 2009 13:04

    In diesem Fall von Intelligenz und Gehirn zu sprechen, ist sicherlich absolut daneben. Jedoch muss man zugeben, dass diese Pflanze Eigenschaften erworben haben, die sie vor ihren Feinden schützen. Nun bei Pflanzen finde ich, kann nur die typische Evolution den Pflanzen diesen tollen Schutz „gegeben“ haben. Doch da der Autor mit „Ein Großvater, der einen Flugschein hat, würde also Kinder zeugen, die ohne Schulung fähig wären ein Flugzeug zu führen“ agumentiert, spricht er vielleicht von der Epigenetik, die er aber zugegebenermaßen einfach nur falsch verstanden hat. Vielleicht sollte man den Autor mal aufklären :)

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